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Wenn das eigene Kind die Schule abbrechen will, schlagen wir Eltern die Hände über dem Kopf zusammen und sehen für die Zukunft des Kindes schwarz. Denn eins ist klar: als Schulabbrecher Karriere machen, das dürfte schwierig werden. Oder etwa nicht? Wie kannst du als Vater oder Mutter damit umgehen, wenn dein Sohn oder deine Tochter äußert, nicht mehr zur Schule gehen zu wollen? Und ist der Schulabbruch wirklich ein Karrierekiller und die Vorstufe zu einem Leben mit Hartz-4?

Hilfe, mein Kind will die Schule abbrechen und arbeiten gehen

Hat dein Kind gerade den Gedanken geäußert, dass es die Schule abbrechen und arbeiten gehen will, breche nicht sofort in Panik aus. Ich bin Mutter eines Schulabbrechers und ich habe den Schulabbruch meines Kindes befürwortet und es darin unterstützt, einen anderen Weg einzuschlagen. Doch darauf gehe ich später noch näher ein.

Prinzipiell haben auch Schulabbrecher viele Möglichkeiten, eine Ausbildung zu machen, beruflich Fuß zu fassen und eine Karriere zu starten. Nachfolgend findest du einige Tipps, welche Chancen dein Kind trotz dem Schulabbruch ergreifen kann. Bleibe also cool!

Nimm die Beweggründe für den Schulabbruch deines Kindes ernst

Wenn dein Kind dir mitteilt, dass es keinen Bock mehr auf Schule hat und lieber arbeiten gehen will, bleibe ruhig. Wichtig ist, dass du besonnen reagierst und mit deinem Kind darüber redest, warum es nicht mehr zur Schule gehen will und welche Pläne es stattdessen verfolgen will. Bringe in Erfahrung, warum dein Kind sich gegen den weiteren Schulbesuch sträubt.

Das Argument, endlich eigenes Geld zu verdienen, um sich mehr materielle Wünsche erfüllen zu können, solltest du zwar ernst nehmen, aber nicht durchgehen lassen. Erkläre deinem Nachwuchs, welche Nachteile sich durch den Schulabbruch ergeben. Biete ihm Hilfe an, einen Ferienjob zu finden oder redet über eine Erhöhung des Taschengeldes.

Es gibt natürlich auch gravierende Gründe, weshalb Teenager über einen Schulabbruch nachdenken. Hat dein Kind Probleme in der Klassengemeinschaft oder an der Schule, könnt ihr gemeinsam einen Schulwechsel anstreben. Hat dein Kind Lernfrust, weil es in manchen Fächern nicht mitkommt, kann Nachhilfe für Abhilfe sorgen. Kommt es generell nicht mit dem System Schule klar, könnt ihr nach einer adäquaten Alternative suchen.

Schule abbrechen – die Schulpflicht muss erfüllt werden!

Schule abbrechen mit 15, mit 17 oder mit 18 Jahren. Das macht natürlich einen Unterschied. Ein Schulabbruch sollte niemals alternativlos durchgezogen werden. Denn in Deutschland besteht Schulpflicht und wenn es keinen Plan B für dein Kind gibt, zieht dies unter Umständen enorme rechtliche Konsequenzen nach sich. Diese reichen von Verhängung eines Bußgeldes über Abholen durch die Polizei bei Schulverweigerungen und Schulschwänzen bis hin zu Gefängnisstrafen im schlimmsten Fall.

Die Schulpflicht muss von jedem Kind erfüllt und von den Eltern umgesetzt werden. Konkret wird die Schulpflicht in Deutschland durch die Landesverfassungen der Bundesländer geregelt. Die sogenannte Vollzeitschulpflicht erstreckt sich je nach Bundesland über neun bzw. zehn Schuljahre und mündet dann in die Berufsschulpflicht ein. Ebenfalls spielt das Alter des Kindes eine Rolle. In einigen Bundesländern erlischt die Schulpflicht mit Vollendung des 18. Lebensjahres. In anderen Bundesländern erst, wenn die Anzahl der Schuljahre erfüllt wurde.

Eine genaue Übersicht zur Dauer der Schulpflicht in den einzelnen Bundesländern findest du hier bei Wikipedia oder im Schulgesetz deines Bundeslandes.

Nur unter besonderen Umständen kann das Kind entweder von der Schulleitung oder vom Schulamt von der Schulpflicht befreit werden. Doch auch dies ist abhängig vom Bundesland und der konkreten Situation. Die Gründe für eine Schulbefreiung müssen jedoch gravierend sein, sodass es kaum möglich ist, ohne rechtliche Konsequenzen die Schule abzubrechen. Ihr braucht also einen Plan B und zum regulären Schulbesuch eine Alternative, die anerkannt wird. Eine solche kann eine Ausbildung sein, ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Freiwilliges Ökologisches Jahr sowie Produktives Lernen.

Produktives Lernen statt planlos Schule abbrechen

Es gibt Teenager, die generell mit dem System Schule nicht zurecht kommen. Da ist weder ein Schulwechsel hilfreich, noch lässt sich mit Nachhilfeunterricht und intensivem Lernen eine Verbesserung erzielen. In so einem Fall kann es sinnvoll sein, beispielsweise auf eine Schule zu wechseln, die Produktives Lernen anbietet. Das Produktive Lernen ist leider noch nicht in allen Bundesländern etabliert und wird derzeit nur angeboten in diesen Ländern:

  • Berlin
  • Brandenburg
  • Thüringen
  • Sachsen-Anhalt
  • Mecklenburg-Vorpommern
  • Sachsen
  • Schleswig-Holstein

Beim Produktiven Lernen gehen die Jugendlichen an drei Tagen der Woche praxisnaher Tätigkeit in einem Betrieb nach. Die übrigen beiden Wochentage werden in der schulischen “Lernwerkstatt” absolviert. Es findet also kein trockener Schulunterricht statt, sondern die Schüler und Schülerinnen erhalten die Möglichkeit, sich in verschiedenen Berufsbereichen praktisch auszuprobieren.

Freiwilliges Soziales Jahr – nach Erfüllung der Vollzeit-Schulpflicht möglich

Grundsätzlich kann ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bereits ab 15 Jahren gemacht werden. Trotzdem muss für diesen Freiwilligendienst die Vollzeit-Schulpflicht erfüllt werden. Gerade für Schüler und Schülerinnen mit schlechten Noten ist das FSJ eine große Chance, in einen sozialen Beruf hineinzuschnuppern. Auch ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) kommt in Betracht.

Durch das Freiwillige Soziale Jahr bzw. das Freiwillige Ökologische Jahr wird die Schulpflicht erfüllt und darüber hinaus kann der Teilnehmer die praktische Fachhochschulreife erwerben. So, wie bei der Berufsausbildung, startet das FSJ bzw. das FÖJ im Herbst des laufenden Kalenderjahres. In der Regel sollten sich Interessenten bereits ein halbes Jahr im Voraus um eine Stelle kümmern und sich bei entsprechenden Anbietern für einen FSJ-Platz sowie einen FÖJ-Platz bewerben.

Allerdings ist es oftmals auch möglich, zwischendurch und kurzfristig einen Platz für das Freiwillige Soziale Jahr resp. das Freiwillige Ökologische Jahr zu erhalten. Wenn dein Kind also mitten im Schuljahr die Schule abbrechen will, steht einer spontanen Bewerbung nichts im Wege. Benötigt ihr weitere Informationen oder Hilfe bei der Suche nach einem solchen Platz, findet ihr auf der Website der Arbeitsagentur nützliche Infos. Dort könnt ihr auch einen Termin für eine Beratung vereinbaren.

Schule abbrechen und Ausbildung beginnen

Will dein Kind die Schule schmeißen, muss das keinesfalls eine schlechte Nachricht sein! Warum, das will ich dir am Beispiel meines Kindes aufzeigen.

Okay, ich habe leicht reden. Mein Kind war beim Entschluss des Schulabbruchs bereits volljährig, hatte seine Schulpflicht erfüllt und war noch dazu Jahrgangsbester mit einem Zeugnisdurchschnitt von 1,4 – ideale Voraussetzungen also für eine berufliche Karriere oder gar Abitur und Studium. Die meisten Eltern hätten vielleicht ihrem Nachwuchs gut zugeredet und zum weiteren Schulbesuch überredet – ich nicht!

Das Kind auf seinem Weg begleiten – auch bei Schulabbruch!

Als Mutter eines volljährigen Kindes habe ich rechtlich gesehen kein Mitspracherecht mehr. Jedoch habe auch ich mich intensiv damit auseinandersetzen müssen, was meinen Schulabbrecher dazu bewegt hat, die Schule verlassen zu wollen und ob das eine gute Entscheidung für seine Zukunft sein würde.

Nachdem mein Kind mir seine Beweggründe genannt hat, konnte ich seine Entscheidung gut nachvollziehen. Blöde Klassenkameraden, doofe Lehrer, sowieso dauernd Unterrichtsausfall aufgrund von Lehrermangel und dann auch noch die Corona Zeit, die immer noch nicht beendet ist. Es gab aber auf seiner Seite auch erkennbar die Bereitschaft, auf meinen mütterlichen Rat zu hören. Ein Zeichen seiner Reife und umso mehr Grund, mich auf seine Zukunftspläne einzulassen.

Als Schüler der 10. Klasse war der Realschulabschluss noch nicht in der Tasche. Außerdem war es fraglich, ob es im Schuljahr 2020/2021 erneut zu bundesweiten Schulschließungen kommen und ob genug Unterricht stattfinden wird, damit mein Kind sich ordentlich auf die Prüfungen für den regulären Schulabschluss vorbereiten kann.

Es war der erste Schultag nach den Sommerferien, als mein Kind sich das Telefon schnappte und Betriebe abtelefonierte, um dort nachzufragen, ob noch ein Auszubildender gesucht wird. Schon beim dritten Telefonat wurde die Frage bejaht und mein Sohn spontan zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Das fand 20 Minuten später im Betrieb statt. Der Geschäftsführer bot an, bei der Schulleitung eine Befreiung für ein einwöchiges, außerschulisches Betriebspraktikum zu beantragen. Danach wollte der Betrieb entscheiden, ob mein Sohn dort seine Ausbildung beginnen kann.

Freistellung für ein außerschulisches Praktikum

Auch als volljähriger Schüler musste mein Sohn eine Freistellung vom Schulunterricht beantragen, damit er das außerschulische Praktikum absolvieren konnte. Die Schulleitung, die Klassenlehrerin mitsamt dem Lehrerkollegium – allesamt waren sie dagegen, dass er das Praktikum machen und eventuell die Schule abbrechen würde.

Es gab jede Menge Diskussionen mit der Schule, die ihm die Pistole auf die Brust zu setzen versuchte. Entweder, er ginge weiter zur Schule oder er müsse die Schule abbrechen, damit er das Praktikum machen könne. Ein ausgeschultes Schulkind kann nicht mehr eingeschult werden. Die Entscheidung zugunsten des Praktikums wäre also weitreichend und eine Rückkehr an die Schule unmöglich gewesen.

Von einer Freistellung wollte der Schuldirektor zunächst nichts wissen. Dieser argumentierte er damit, dass mein Sohn dann lediglich Berufsreife, aber keinen Realschulabschluss haben und sich die Zukunft verbauen würde. Außerdem hat mein Sohn einen sehr konkreten Berufswunsch und ein tolles Ziel: Die Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker abschließen und dann die Ausbildung zum KFZ-Meister absolvieren.

Doch Letzteres sei nach Auffassung von Klassenlehrerin und Schuldirektor nicht möglich, wenn mein Schulabbrecher keine Mittlere Reife habe. Da kommt man als Mutter oder Vater ins Zweifeln. Ist der Schulabbruch zugunsten einer Berufsausbildung wirklich eine gute Idee?

Schulabschlüsse sind auch auf anderen Wegen möglich!

Als Mutter und Journalistin tat ich das, was ich immer mache. Ich recherchierte im Internet und griff dann zum Telefon, um meine Rechereergebnisse nochmal bei Experten abzufragen, die es wissen müssen: Berufsschule und Handwerkskammer.

Von beiden Seiten wurde mir bestätigt, dass ein Schulabbrecher durch den Besuch der Berufsschule automatisch der Realschulabschluss erlangt – gute Noten vorausgesetzt. Bei einem Zeugnisdurchschnitt von 1,4 sollte das zu schaffen sein! Und auch die Ausbildung zum KFZ-Meister sei problemlos ohne Realschulabschluss möglich; aber den würde mein Sohn ja ohnehin über die Teilnahme am Berufsschulunterricht erlangen. Mit diesen Informationen gab es erneute Gespräche mit der Schulleitung, die dann den guten Schüler für das Praktikum freistellte.

Bereits am 3. Praktikumstag bat mich der KFZ-Betrieb für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Gespräch. Mein Sohn überzeugte auf ganzer Linie und so erhielt er am 4. Tag des Praktikums die Zusage für die Ausbildungsstelle. Am 5. Tag ließ er sich von der Schule sein Abschlusszeugnis ausstellen und trat 2 Wochen später seine Ausbildung an. Täglich fahre ich ihn morgens in den Betrieb und hole ich ihn am Nachmittag vom Ausbildungsbetrieb ab. Seine leuchtenden Augen sind unbezahlbar und bestätigen, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat. Mit seinen 18 Jahren hat er sich seinen ersten größeren Traum erfüllt – den Wunschberuf zu ergreifen.

Ich muss aber auch erwähnen, dass der Berufswunsch meines Sohnes keinesfalls eine spontane Idee war, nur um der Schule den Rücken kehren zu können. Zuvor hatte er bereits mehrere Praktikas und Ferienjobs in diesem Bereich. Außerdem hegt er seit vielen Jahren einen großen Traum: eine eigene Dodge besitzen. Das geht nur mit viel Geld und fundierten Kenntnissen im KFZ-Bereich.

Bei einem Kind, dass in seinen Entscheidungen sprunghaft ist, heute Tierpfleger, morgen Bäcker und übermorgen Gärtner werden will, wäre ich mir nicht sicher gewesen, ob ich es bei seinem Wunsch zum Schulabbruch derart unterstützt hätte. Da ich als Mutter jedoch wußte, dass es sich um einen über viele Jahre gereiften Berufswunsch handelt und der Junge ehrgeizig seine Ziele verfolgt, fiel mir die Entscheidung ihn zu bestärken sehr leicht.

Daher möchte ich euch einen ganz persönlichen Tipp geben: Wägt sorgfältig ab, ob euer Kind nur aus einer Laune heraus den Schulabbruch plant, ob sein Berufswunsch wirklich ernstzunehmen ist oder der Teenager noch keine Orientierung für seine Zukunft hat. In dem Fall kann ich euch empfehlen, eine Berufsberatung beim Arbeitsamt wahrzunehmen. Das mache ich gerade mit meiner Teenager-Tochter, da sie noch keine konkreten Zukunftspläne hat. Es gibt inzwischen tolle Alternativen im Bildungsbereich und natürlich helfen auch die Tests, die eure Tochter bzw. euer Sohn im Berufsinformationszentrum BIZ durchführen kann.

Fazit: Schule abbrechen ja – aber nie ohne Perspektive

Werdet ihr als Eltern mit dem Wunsch des Kindes konfrontiert, die Schule abzubrechen, sollte das für eure Familie kein Weltuntergang und auch kein Grund zur Panik sein. Oft hilft es, wenn du dich an die eigene Schulzeit erinnerst. Wie oft hast du darüber nachgedacht, wie schön es wäre, nicht mehr in die Schule gehen zu müssen?

Sprüche wie “Kind, wenn ich nochmals die Uhr zurückdrehen könnte …” oder “Wenn ich nochmal so alt wäre wie du, …” sind nicht zielführend, wenn dein Kind sich in einem Leidensdruck befindet und sich von dir nicht ernstgenommen fühlt. Da hilft es auch nicht, wenn du mit deinem heutigen Wissen alles anders machen oder gerne noch einmal die Schulbank drücken würdest. Erinnere dich an deine eigene Kindheit und an die Sprüche deiner Eltern, wie wichtig Schule ist und dass du mehr lernen musst. Wolltest du das damals hören und befolgen?

Versetze dich in die Lage deines Kindes und überlegt gemeinsam, welche Lösungen es gibt. Schulwechsel, Freiwilligendienst, Produktives Lernen oder Ausbildung – das sind doch keine schlechten Alternativen, oder? Übrigens: Ich selbst habe meine Schule ordentlich abgeschlossen, einen wahnsinnig tollen Beruf gelernt, die Abschlussprüfung vorgezogen und mit Bravour gemeistert. Nach einem halben Jahr in meinem Beruf habe ich diesen Job an den Nagel gehängt. Du sieht, die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt – das gilt auch für dein Kind!

Foto: geralt (Gerd Altmann) pixabay.com
„Schule

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