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Die Trotzphase beim Kind ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Das Kind fühlt sich haltlos und weiß selber oft nicht genau, was los ist. Für Dich als Elternteil ist es schwer mit den starken Emotionen des Kindes, Deinen eigenen Gefühlen und dem Blick von außen umzugehen. Häufig genug passieren die schönsten Streitigkeiten in Situationen des Alltags und haben viel Publikum. Da hilft nur: Abgrenzen, bei sich und ruhig bleiben. Das beendet keineswegs die Wutanfälle. Aber es erleichtert den Umgang und das Verhältnis.

Trotzphase beim Kind – wichtig für die Entwicklung

Der Blick auf die Trotzphasen hat sich in der Entwicklungspsychologie gewandelt. Heute sind sich Wissenschaftler einig, dass gerade diese anstrengende Phase für die Entwicklung eines positiven Selbstbildes und eines gesunden Selbstwerts entscheidend ist. Sie bezeichnen sie als Autonomiephase. Zwischen zwei und fünf Jahren werden sich Kinder bewusster, dass sie eine eigenständige Person sind.

Mit einem Mal sind da viele unsortierte Gefühle, unklare Gedanken und eigene Wünsche, die sich überhaupt nicht so schnell in Einklang bringen lassen. Dein Kind ist hoffnungslos überfordert und braucht Dich dringend. Geh nicht in eine Opposition zu Deinem Kind, versteh seine Forderungen und seine Wut nicht als Angriffe. Gib ihm eine Sprache, um innere Widersprüche und Ängste auszudrücken.

Umdeuten ist der erste Schritt zur inneren Ruhe

Das Umdeuten ist für die innere Ruhe wichtig und fängt bei der Sprache an. Trotz ist gegen etwas oder jemanden gerichtet. Wenn Dein Kind für Dich trotzt, wird es Dir schwerer fallen, die Gefühle Deines Kindes nicht als Angriffe zu sehen. Es bockt und trotzt – in vielen dieser klassischen Begriffe stecken Abwertung und passive Aggressivität.

Akzeptierst Du diese anstrengende Phase hingegen als Weg zur Autonomie und als Notwendigkeit, wird Dir das Aushalten Stück für Stück leichter fallen. Das macht natürlich die Phase nicht lustiger oder netter, aber Dein Blick auf Dein Kind kann liebevoll bleiben. Ihr befindet Euch nicht in einem Kleinkrieg. Dein Kind entwickelt sich und das fordert Euch.

Für Dich als Elternteil beginnt jetzt eine neue Phase, die Dich anders fordert. Bei einem Baby sind die Anforderungen meistens recht simpel: Schlafen, Essen, sicherer Rahmen und viel Liebe. Bei einem Kleinkind wird es komplexer und Du übst das Loslassen in großen Schritten. Der Wunsch Deines Kindes nach Autonomie kann je nach Typ viel größer sein, als Du es Dir wünschst.

Ob es klettern möchte, als Kindergartenkind alleine zum Freund um die Ecke gehen, in Gummistiefeln zum Kindergarten oder ohne Jacke rausgehen will. Umso mehr Erfahrungen Dein Kind in einem sicheren Rahmen machen darf, desto selbstständiger entwickelt es sich.

Was passiert in der Autonomiephase?

Ein kleines Kind vor dem zweiten Geburtstag empfindet sich symbiotisch mit seiner Umwelt. Eigene Wünsche und Gefühle sind zwar da, haben aber wenig Priorität und Klarheit. Im ersten und zweiten Lebensjahr experimentiert Dein Kind mit Ursache und Wirkung.

Es lässt etwas fallen und Du hebst es auf. Es tut etwas und löst damit eine Reaktion aus. Es kann durch eine Bewegung einen gebauten Turm zerstören. Es kann langsam selber einen Turm bauen. Dein Kind kann entscheiden, wohin der rote Bauklotz kommt und wohin nicht. Es beginnt sich als Gestalter und Bestimmer zu sehen.

Im dritten Lebensjahr werden diese Details für Kinder wichtig. Das Trockenwerden fällt ebenfalls in diese Zeit und zeigt auf einer körperlichen Ebene, was sich im Inneren Deines Kindes abspielt. Es geht um die Wahrnehmung der eigenen Person, eigene Grenzen, eigene Fähigkeiten und den eigenen Willen, sowohl körperlich als auch seelisch. Durchhaltevermögen und Selbstregulation werden trainiert.

Alleine machen

Dein Kind eignet sich Kompetenzen an und möchte Dinge alleine machen. Die Schuhe alleine anziehen, die Hose anziehen und den Rucksack für die Krippe oder den Kindergarten tragen. Für Dich mögen dies Hindernisse in Deinem Zeitplan sein, für Dein Kind sind es wichtige Erfahrungen. Dein Kind bestätigt sich sein beginnendes Selbstbild in diesen kleinen Situationen:

„Ich kann das schon.“

Kinder brauchen in dieser Phase viele Möglichkeiten, selber entscheiden und etwas alleine machen zu können. Wenn Du Dein Kind einbindest und ihm Aufgaben gibst, hilfst Du ihm sehr. Das können kleine Aufgaben sein, wie Gurkenscheiben mit einem Kindermesser neben Dir zu schneiden oder mit einem Staubtuch mit zu putzen.

Eigene Glaubenssätze hinterfragen

Oft sind es eigene Glaubenssätze, die in dieser Phase für Dich als Elternteil zur Belastung werden. Gerade Erwachsene, die aus einem Elternhaus mit sehr bestimmenden Eltern kommen, sind in dieser Phase stark gefordert.

Ohne viel Liebe, Toleranz und das Zurücknehmen von eigenen Plänen funktioniert Autonomie des Einzelnen in engen Strukturen nicht. Die folgenden Fragen helfen Dir, Deine eigene Reaktion auf die Wünsche und Wutanfälle Deines Kindes besser zu verstehen:

  • Was für ein Verhältnis hast Du zu Deinen Eltern – ist Euer Verhältnis von gegenseitigem Respekt geprägt?
  • Kannst Du Dich daran erinnern, wie Du Dich als Kind gefühlt hast?
  • Wie gehst Du mit Deiner Wut um?
  • Was überfordert Dich an der Wut Deines Kindes?
  • Wie verstehst Du Deine Rolle als Elternteil?
  • Was wünschst Du Dir für Dein Kind?
  • Was macht Publikum mit Dir?
  • Warum ist die Meinung von anderen für Dich wichtig?

Wer gerade die letzten beiden Punkte für sich klar hat, minimiert Stress im Supermarkt oder beim Abholen vom Kindergarten. Jeder mit Kindern kennt Tage, an denen es nicht rund läuft und Eltern hilflos und unbeholfen sind. Wer schlaue Sprüche macht, hat das nur vergessen.

Vermeide Kleinkriege

Vermeide Deinen Nerven und dem Selbstbild Deines Kindes zuliebe Kleinkriege. Überleg Dir klare und einfache Regeln für Euer Zusammenleben. Gib Deinem Kind die Möglichkeit altersgerecht mitzugestalten. Überleg Dir in einzelnen Situationen, ob es jetzt für Dich persönlich wichtig ist, die Grenze zu setzen oder ob Du nachgeben kannst.

Gib Deinem Kind einen Rahmen, in dem es Erfahrungen sammeln und Entscheidungen treffen darf. Das kann beispielsweise sein, dass Du vor dem Besuch in den Supermarkt entscheidest, dass Dein Kind sich eine Sache selber aussuchen darf. Das sagst Du Deinem Kind mit der Begrenzung auf eine Sache. Es kann sein, dass es die ersten Male immer der Schokoriegel an der Kasse ist. Aber mit der Zeit und dem Alter werden die Kinder neugieriger und suchen sich andere Sachen aus.

Löse Situationen mit Humor. Das Brot ist falsch geschnitten? Vielleicht fängt es an zu reden? Die Reihenfolge beim Auftun unter den Geschwistern war verkehrt, spul zurück und tu pantomimisch noch einmal auf. – Auch kleine Kinder sind empfänglich für Situationskomik und freuen sich, wenn sich ein drohendes Gewitter in Lachen auflöst.

Sei ein sicherer Rahmen für den Wirbelsturm

Selbstfürsorge ist für alle Menschen wichtig, aber für Eltern in der ersten Autonomiephase und der Pubertät ihrer Kinder besonders. Wenn es Dir gut geht, kannst Du Deinen Kindern Sicherheit und Ruhe schenken. Konkret bedeutet das: Gönn Dir Auszeiten und tanke Kraft beim Entspannen, beim Sport

Für Dich ist Dein Kind in dieser Phase ein Wirbelsturm. Aus der Perspektive Deines Kindes befindet es sich mitten im Wirbelsturm. Du darfst Dich von diesem Wirbelsturm nicht mitreißen lassen. Lass Dich von den Emotionen Deines Kindes nicht überrollen. Das bedeutet nicht, dass Du mit Deinem Kind nicht mitfühlen sollst. Empathie ist wichtig, da Deine Kinder sie von Dir lernen. Aber Du gehst nicht in die Gefühle und reagierst mit eigener Überforderung.

Du versprachlichst die Gefühle. Mit Wut, Trauer und Enttäuschung ist es ja wie mit Monstern, wenn sie für Dein Kind einen Namen haben, verlieren sie ihren ersten Schrecken. Benenne die Gefühle für Dein Kind:

„Du bist jetzt enttäuscht und wütend, weil du dich heute nicht verabreden kannst.“

Zeige Verständnis und biete eine Lösung an:

„Ich kann das verstehen. Was denkst du, möchtest du dich in zwei Tagen verabreden?“

Manchmal gibt es keine unmittelbare Lösung für den Konflikt. Verständnis und anbieten, Dein Kind in den Arm zu nehmen, hilft aber oft auch. Das kann manches Mal dauern, weil die Gefühle noch zu stark sind. Aber ruhig zu bleiben und zu sagen, dass Du da bist, hilft immer. Hab auch Verständnis für Dich, wenn es mal nicht so gut klappt. Sei großzügig zu Dir und Deinem Kind. Großwerden und Loslassen sind große Abenteuer.

Bild von Pezibear auf Pixabay.com

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