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Rund fünfzig Kinder spielen, schreien und toben auf einem öffentlichen Platz in Málaga. Bälle fliegen und Fahrräder sausen durch spazierende Fußgänger, die diesen Platz überqueren möchten. Dabei wird auf die Kleinen Acht genommen. Jeder verlangsamt seinen Schritt und macht Umwege, um den Spielespaß der Kinder nicht zu stören. Es ist laut, sehr laut sogar. Schreiende Kinder erzeugen ein fulminantes Echo schreiender Eltern. Das ist der normale Geräuschpegel in Südspanien. Nicht ein Mensch fühlt sich belästigt, niemand regt sich auf. Als Deutscher beobachtet man das Szenario und ist erstaunt.

Die spanische Gesellschaft verehrt ihre Kinder, deren Status unantastbar ist. Hier dreht sich alles um das Wohlergehen der Kleinen. Kinderfreundlichkeit muss man hier nicht einfordern. Es ist integraler Bestandteil der spanischen DNA. Warum ist hier möglich, was in Deutschland unmöglich erscheint?

Die Familie ist wichtig

Das Familienleben hat einen sehr hohen Wert in Spanien. Die spanische Familie ist mit der deutschen Familie aus den 60er Jahren vergleichbar. Es ist keine Seltenheit, dass drei Generationen unter einem Dach leben. Wenn die Großeltern nicht im Haus leben, wohnen sie sicher ganz in der Nähe. Sie sind als Helfer täglich eingebunden. Sie kochen das Essen und holen die Enkel von der Schule ab. Der Tagesablauf der Kinder bestimmt den Alltag der Familie. Neben der sozialen Funktion erfüllt die Familie auch eine wirtschaftliche Funktion. Spanien ist kein reiches Land. Zweidrittel der spanischen Haushalte haben monatlich weniger als 1.000 Euro zur Verfügung. Man ist also auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Die wohlige Nähe der Familie führt zu vielen gemeinsamen Aktivitäten. Genau genommen wird alles gemeinsam gemacht. Für uns Deutsche ist das unvorstellbar. Wir benötigen mehr Individualität und Freiraum. Das eigene Blut ist der Kit, der die spanische Familie zusammenhält. Und der Zusammenhalt ist stark.

Respekt und Toleranz

Die Grundwerte der spanischen Gesellschaft sind Respekt und Toleranz. Darauf wird in der Erziehung viel Wert gelegt. Wenn sich noch eine Portion Freundlichkeit dazugesellt, ist ein harmonisches Miteinander nur die logische Konsequenz. Die körperliche Nähe bei jeder Begrüßung, bei der auch Fremde umarmt und geküsst werden, ist Ausdruck einer liebevollen Lebenseinstellung. In der Tat ist es sehr angenehm, in der spanischen Gesellschaft zu leben und ein Teil davon zu sein. Die Lebensqualität steigt enorm, wenn alle Menschen diese Werte unterstützen und achtsam miteinander umgehen. Fehlender Respekt ist übrigens eine ernste Anschuldigung, wenn dieses harmonische Gefüge aus dem Lot gerät.

Man mischt sich nicht ein

Was genau macht die Menschen so tolerant und gelassen? Dies ist auf eine spanische Angewohnheit zurückzuführen, die uns Deutschen komplett fehlt. Man mischt sich nicht ein.

Freiraum geben und seine eigenen Bedürfnisse hintenanstellen. Klingt einfach, ist aber für uns Nordeuropäer mit hohen Anstrengungen verbunden. Wie oft habe ich die Luft angehalten oder mir auf die Zunge gebissen, um einen giftigen Kommentar an die lieben Nachbarn zu vermeiden. Nachbarkinder schreien und auf der Terrasse nebenan wird bis morgens geredet und gelacht. Meine spanische Frau sieht meinen Groll wachsen und bewahrt mich sanft vor unüberlegten Äußerungen.

Spätestens am Folgetag bin ich heilfroh, dass ich mich zurückgehalten habe. Wir genießen nämlich das gleiche tolerante Verhalten und haben ein tolles Verhältnis in unserem Mehrfamilienhaus. Der Freiraum für Kinder ist enorm. Die Erziehung erfolgt „an der langen Leine“ – wenn überhaupt. Alle Kinder dieser Welt versuchen ihre Grenzen auszuloten. Hier in Spanien kommen sie besonders weit.

Zu Beginn erstaunten mich die lasche Erziehung und die wenigen Regeln, an die sich Kinder hier halten müssen. In Deutschland wird mehr Wert auf gute Erziehung und dem Befolgen von Regeln gelegt.
Wenn ich aber sehe, wie schön die spanische Gesellschaft funktioniert, dann kann diese „fehlende Erziehung“ doch so falsch nicht sein. Toleranz ist die Währung, mit der man Harmonie bezahlt.

Fazit

Diese unbegrenzte Kinderfreundlichkeit ist eine gesellschaftliche Entwicklung seit vielen Generationen. Aus diesem Grund kann man in Deutschland nicht von heute auf morgen die gleichen Bedingungen schaffen. Aber man kann damit beginnen, Werte wie Respekt und Toleranz mit Leben zu füllen. Jeder kann bei sich selbst beginnen. Unsere Kinder sind die ersten, die davon profitieren werden.

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